Die Neue Arroganz über: Die Digitale Bohème

By dieneuearroganz

DNA zu Sascha Lobos und Holm Friebes Buch/Konzept/Beobachtung/Idee:

Wir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung

Kreativwirtschaft‘ – bereits der Begriff vereint arrogant zwei Konzepte, die sich traditionell gegenseitig ausschließen. Kreativität ist intuitive Schöpfung, die nicht zielgerichtet ist, sondern Neues schaffen will, und so zu Heterogenität führt. Wirtschaft ist rational, gewinnorientiert und berechnend, pragmatisch statt naiv und experimental.

Gefürchtet wird die Dystopie einer Wirtschaftsgesellschaft, weil Wachstum, Massenhaftigkeit und Leistung zu kultureller Homogenisierung, etwa der McDonaldisierung, Umweltzerstörung und sozialer Ungerechtigkeit führt. Das sind die beiden Eckpfeiler, welche von der „Kreativwirtschaft“ unter ein Dach gebracht werden sollen. Wie soll das gehen? Dazu müssen mehr oder weniger real vorhandene Vorurteile arrogant ignoriert werden, um die berühmte Lücke zu finden. Die Lücke zwischen kapitalistischer Wirtschaft und kreativer Freiheit heißt: Digitale Bohème.

Der beste Zugang zur Idee der Digitalen Bohème ist die Kritik an der Festanstellung. Der ausgebeutete Deliquent quält sich 6 Uhr morgens aus dem Bett, um wiederwillig halb 8 auf Arbeit zu sein. Der Chef ist ein Tyrann, die innere Kündigung allgegenwärtig, nur der Mut fehlt, sich aus seiner selbstverschuldeten Arbeitsbeziehung zu befreien. Festangestellte arbeiten für andere statt für sich selbst.

Sascha Lobo und Holm Friebe wollen jenen Mut machen, die sich über ihre Arbeit selbst verwirklichen wollen. Der Digitale Bohème kann sich, im günstigsten Fall, seine Kunden aussuchen, seine Arbeitszeit selbst einteilen und ist sich sein eigener Herr und Meister.

Die Digitale Bohème kann vieles, aber nicht alles und sie ist sich dessen bewusst. Im Medien- und Öffentlichkeitsbereich, also überall da, wo kommerzieller Erfolg über Aufmerksamkeit realisiert werden kann, kann digital bohème gelebt werden. Doch nicht jeder ist bereit dazu, die besagte Lücke zu füllen, in dem die private Lieblingsbeschäftigung vermarktet wird. Es braucht einen gewissen Typ, um die individuelle Kernkompetenz, welche auch immer das sein mag, als Einkommensquelle zu nutzen. Wer es kann, hat die Chance auf eine selbst gewählte, herausfordernde, selbst verantwortete Arbeit, in einem Umfeld, in dem die Zusammenarbeit mit anderen auch Spaß macht.

Soviel zum romantischen Idealfall, der sich hinter Kreativwirtschaft versteckt. Aber wie sieht es aus, wenn der wirtschaftliche Aspekt über die Kreativität siegt? Wie sieht wirtschaftliche Kreativität aus?

Kreatives Wirtschaften heißt mit allen Mitteln, mehreren Nebenjobs, sehr viel Stress, wenig Sicherheit und vollem Risiko dem Kapitalkreislauf sich seinen Anteil, zum Überleben mühsam abzujagen. Das gesellschaftliche Netzwerk, in dem der digitale Bohème seine Aufträge findet, ist ein vollständig privatisierter Egoismuskapitalisums, in dem jeder seinem Nächsten Konkurrent ist. Es würde nur noch darum gehen, zu verkaufen und ernst gemeinter Umweltschutz, anspruchsvolle Kultur und Bildung würden aus Kostengründen vernachlässigt werden.

Die Digitale Bohème hat Potenzial für beide Wege. Sie hat das Potenzial zum neoliberalen Entrepreneurship und zu einer menschlichen Wirtschaftsweise, in der Arbeiten primär die Selbstverwirklichung des Menschen bedeutet. Damit letzteres ensteht fordert DNA mehr. Die digitale Bohéme braucht den Mut, soziale und ökologische Gerechtigkeit anzustreben. Selbstverwirklichung von Menschen ist gut, aber darf nicht darin bestehen lediglich an seiner Person etwas zu finden, was sich gewinnbringend vermarkten lässt. Die Digitale Bohème muss, trotz ihrer Heterogenität, noch einen Schritt arroganter werden und den Mut aufbringen die Wirtschaft zu gestalten und sich ihr nicht anzupassen.

Neuarrogant ist, dass sich Menschen trauen sich ihren Arbeitsplatz zu sich zu holen, statt sich ihm anzubiedern. Die Gefahr besteht allerdings darin, dass Arbeit zum wichtigsten Lebensinhalt wird und Bereiche, die nur in einem kollektiven Kontext, wie Bildung und Gesundheit realisierbar sind untergehen.

Die Digitale Bohéme, kann sich steigern, in dem sie in ihr Selbstverständnis eine zweckorientierte Konsumkritik einbaut, die das Wirtschaften auf ein menschliches Mass konzentriert. Außerdem muss sie den Mut haben ökologische und soziale Ansprüche an ihre Lebenseinstellung zu stellen, damit sie früher oder später neuarrogant wird, ansonsten wird sie lediglich eine weitere Möglichkeit, wie sich Menschen in ein System einordnen, in dem sie selbst keine Rolle spielen.

DNA

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Eine Antwort zu „Die Neue Arroganz über: Die Digitale Bohème“

  1. FranzKu sagt:

    Zugegeben, es ist angebracht über neue Arbeitsmodelle nicht nur nachzudenken, sondern auch jenen Mut zu machen, die das bekannte System freiwillig verlassen bzw. sich ein neues Modell zurechtlegen. Da steckt viel Kraft darin und es scheint sinnvoll, dies nicht nur mit dem Unverständnis gegenüber dem Nicht-System-Angepaßtsein zu betrachten, sondern die Freiheitsgrade auch positiv zu würdigen. Wenn es dazu des romantischen Begriffs „Bohème“ bedarf, so soll es recht sein.

    Allerdings finde ich mit Blick auf Entwicklungen à la Amazon Mechanical Turk auch die Schattenseite durchaus beleuchtenswert – und dieser Schattenseite steht meiner Meinung nach der Begriff „Digitales Proletariat“ näher als „Bohème“: http://tinyurl.com/6zzwe4

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