Auch wenn es unzeitgemäß erscheinen mag, der Sentimentalität zu folgen, ausgerechnet zum Jahreswechsel Vergangenes und Kommendes zu reflektieren und es dafür, außer einem eingeredeten Bedürfnis nach einer gedanklichen Inventur keinen besonderen Anlass gibt, denn schließlich sollte jeder Tag eine Reflexion über das Leben enthalten, habe ich einprägsame Geisteshaltungen aus meinem Umfeld gesammelt und zu diesem Kommunikee zusammengestellt. Beansprucht nach belieben die Gedanken, die euch zusagen, für euch, denn so funktioniert das mit geistigem Austausch jenseits von ‘Rechten am geistigen Eigentum’ und lasst hören, was es noch zu diesem Thema zu sagen gibt.
„Dieses Jahr wird das Jahr der Entscheidungen, hoffentlich der richtigen. Hoffen wir, das wir die richtigen Karten bekommen haben, wenn nicht, werden wir trotzdem haushoch mitpokern.“ Für das Blatt, was wir ausgegeben bekommen, können wir nichts und die Änderung der Spielregeln ist selbstverständlich ein langfristiges Vorhaben; von denen, die die Regeln gestalten, lernen wir: „Nur durch Beschiss und Gaunerei sind wir vorn mit dabei und Beschiss ist es erst, wenn man dabei erwischt wird.“ Unser Betrug soll keinen Schaden verursachen, unser Betrug soll unsere Haltung sein.
„Ein neues Jahr, ein neues Hoffen und ist es mal nicht eingetroffen, weiter Hoffen“, ist keine billige Durchhalteparole, sondern die Haltung, die das Spiel prägt. Demnach kann der Plan kein anderer sein, als das Leben als multidisziplinäre Ausdauerveranstaltung anzugehen, in der vor allem eine Sache zählt: die richtige Pose. Sollten wir vom Leben oder garstigen Zeitgenossen durch den Kakao gezogen werden, halten wir es wie Erich Kästner: „Was auch immer geschieht! Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!“, denn “Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern“, lehrt uns Friedrich Nietzsche.
Nach dem Bourdieu´schem Duktus, distanzieren wir uns vom ekelhaftem, leicht verdaulichem, barbarischem und populärästhetischem Geschmack und spitzen unsere Ohren nur für die wahren, kulturschaffenden Töne. Wir sind interessiert an wahrer Musik, von wahren Künstlern, die sich durch Innovationskraft, Kreativität und Authenzität zu distinguieren wissen. Nicht an Produkten der Musikindustrie. Diese verabscheuen wir zutiefst. Musik ist Kunst, Kunst hat Ihren Preis und hinter jedem Preis sollte ein Wert stecken. Unser Geschmack ist nicht der Geschmack der Massen, es ist der Geschmack der Elaborierten. Er ist konstitutiv und reproduzierend zugleich. Er ist selbst in seiner Prozesshaftigkeit volledelt und vollkommen.
Zielsicher wie eine selbsterfüllende Prophezeiung, ignorieren wir Sachzwänge und angebliche Alternativlosigkeiten: „In diesem Jahr wird unser Selbstbewusstsein wie auch unser Maß an Souveränität superexponentiell mit den Staatsschulden wachsen (…). Oscar wie Nobelpreis rücken in greifbarere Nähe, wir müssen nur am Ball bleiben.“ Verirren wir uns zeitweise in unseren Ansprüchen, dann schöpfen wir Motivation aus Depression, so dieser Zustand von Zeit zu Zeit unvermeidlich ist folgen wir Max Frisch, denn die „Krise ist ein produktiver Zustand. Man muß ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen”. Kopf hoch, nicht die Hände!
Wir haben kein Bedürfnis danach beeindruckende Kleidung zu tragen, stattdessen schmücken wir uns mit den erhellensten Gedanken anderer Menschen die uns wichtig sind und meiden Shopping Mals, wie die Kaufsüchtigen den Sinn des Lebens. Wir lassen uns von niemanden Bedürfnisse einreden, außer von uns selbst. Reverend Billy klärt uns auf: „Victoria – we know your secrets! Stop shopping, Start giving! Changelujaa!“ Lasst uns nicht Gegenstände, sondern Zustände anstreben. Benutzen statt Besitzen ist die Losung des puristischen Hedonismus der Neuen Arroganz. Wir werden unser Verhalten nicht bis zur Handlungsunfähigkeit gegenüber einer Gesellschaft reflektieren, die von allem den Preis und von nichts den Wert kennt. Wir sehen in Oscar Wilde ein Vorbild, welches Kritik nicht äußert sondern verkörpert.
Wir gönnen uns wirkliche Pausen, im Stress dieser Tage, weil wir sie verdienen und wissen dank William Somerset Maugham: “Nur ein mittelmäßiger Mensch ist immer in Hochform”. Genau darum streben wir von Zeit zu Zeit nach dem bewussten Genuss, denn wir unternehmen nichts, wozu uns Sachzwänge treiben wollen. Sachen sind uns überhaupt gleichgültig, es sei denn, wir geben ihnen Bedeutung. Wir werden immer behaupten: „Ich will das bewusst“ und damit die Situation bestimmen. Wir schließen uns Oscar Wilde an, der erkannt hat: “Ich liebe das Nichtstun. Von allen Beschäftigungen ist sie die Allerschwierigste und zugleich diejenige, die den meisten Geist erfordert.” Manchmal ist es besser mit Muse nichts zu tun, als mit viel Ehrgeiz nichts zu erreichen. Was zählt ist der Anspruch an die eigentlich Sache, nicht der Ertrag. Geld schläft nicht.
Dreh und Angelpunkt unseres Handelns ist unser Bauch, dahin kommt das spätrömisch-dekadente Essen, welches uns selbstverständlich zusteht, dazu gibt es keine Alternative, und welches wir benötigen, um anständige Gedanken zu produzieren, schließlich entspringt ein Drittel unserer Entscheidungskriterien aus unserem Bauch. Den Rest schöpfen wir zu gleichen Teilen aus Herz und Verstand. Wir wollen Entscheidungen entkoppelt von vorgestellten Ängsten treffen. Wir wollen Impulse, an die Menschen, die uns wichtig sind, suchen, aufnehmen und ausstrahlen. Entscheidend ist der richtige Takt und die richtige Beziehung zu den Menschen und Situationen, die unser Leben ausmachen. Diese taktvolle Haltung erreichen wir indem wir mit diesen Menschen eine gemeinsame Sprache anstreben, uns gegenseitig bei Übersetzungsfragen helfen und Kommunizieren anstatt Interpretieren.
Darüber hinaus ist es uns wohlwollend eine Ehre als geistige Überflieger par Excellence aufzutreten: was nicht schwer sein dürfte bei der überschaubaren Konkurrenz. Demnach stehen in kontroversen Lebenslagen folgende Verhaltensweisen und Selbstkonzepte auf der zwischenmenschlichen, kulturellen und unternehmerischen Agenda zur Promotion unseres edlen Geistes und vorzüglichen Kunsthaltung:
1. Permanente Selbstbeweihräucherung der eigenen Persönlichkeiten im erlauchten Kreis der neu – arroganten Akteure
2. Sicheres Auftreten in allen Lebenslagen bei völliger Ahnungslosigkeit und fundiertem Halbwissen.
3. Es gibt keine zweite Meinungen, nur neuarrogante Axiome.
4. Selbstanalysemechanismen werden um ihrer Selbst willen getätigt, nicht um Defizite freizulegen.
5. Die Umwelt definiert sich über uns, nicht wir definieren uns über die Umwelt.
6. Altunterlegenem, unkritischem, alternativlosem, unkulturellem, homophoben, rassistischem, inhumanem oder sonst wie gelagertem Kleingeist wird entschieden eine Abfuhr erteilt.
7. Das Wichtigste bei allem: in Denken und Handlung die richtige Pose wählen!
Lassen wir uns nicht unterkriegen von ökonomischen Sachzwängen, kapitalistischen Verwertungslogiken, blindem Hedonismus, geistiger Armut, präkarem Kontostand und anderen bösen Überraschungen, die das zu dekonstruierende „Leben“ fieserweise für uns bereithält. Ein Leben mir ernster Perspektive und der Überbewertung von Problemen scheint möglich, aber nicht sinnvoll. Schaffen wir uns in verschiedenen Kontexten ab und kommen dadurch Sarrazins dialogproduzierender Versöhnungsschrift „Deutschland schafft sich ab“ zuvor. Leben wir mit Würde und mit Haltung. Neuarroganter Haltung. DNA
Tags: 2011, Aphorismen, Arroganz, Haltung, Neujahr, Weisheiten
Januar 31, 2011 um 4:07 pm |
Wenn ich morgens mein – zu dekonstruierendes – Antlitz im Spiegel betrachte, empfinde ich auch jedes mal, dass ich in meiner Prozesshaftigkeit vollendet und vollkommen bin.
Ihr sprecht mir nicht aus der Seele, denn keiner weiß wer sie ist. Nein. Ihr denkt für mich.
Danke DNA.
Februar 4, 2011 um 10:35 am |
fein fein…was für erhellende Gedanken!
Oh…die sind ja auch noch von uns – was für ein Zufall.